Die Putzfrauen, die sich selbst zur Chefin gemacht haben

Artikel vom Tagesanzeiger

Jan Bolliger

Publiziert: 01.05.2024 20:52

Titelbild

Ihre eigenen Chefinnen: Carmen Ulrich und Rebeca Fuego sind Verwalterinnen von Autonomia, Sabri Schumacher arbeitet für den Verein Zentren für Care-Kooperativen (v.l.). Foto: Dominique Meienberg

Mit dem Frühling kommt das schlechte Gewissen. Auf einmal sieht man, wie dreckig die eigenen Fenster wirklich sind. Wer keine Zeit oder Lust hat, selbst den Lumpen und den Glasreiniger in die Hand zu nehmen, denkt vielleicht gerade sehr ernst darüber nach, eine Reinigungskraft zu buchen.

Von diesen gibt es offiziell über hunderttausend in der Schweiz. 86 Prozent davon sind Frauen, zwei Drittel haben keinen Schweizer Pass. Dazu kommen Tausende mehr, die schwarzarbeiten. Sie haben entweder keine Papiere oder hoffen, so ein paar Franken mehr verdienen zu können. Denn wird in der Reinigung von einem fairen Lohn gesprochen, meinen die meisten grossen Firmen damit den im GAV festgelegten Mindestlohn. Dieser beginnt brutto bei 24.74 Franken.

«Diese Arbeit verschleisst dich»

Für die Strapazen der Reinigung sei das nicht genug, findet Verena Berger, die eigentlich anders heisst: «Diese Arbeit verschleisst dich.» Sie muss es wissen, denn sie arbeitet seit zehn Jahren als Reinigerin. Stattdessen hat sie beschlossen, dass sie 30 Franken pro Stunde erhält.

Das kann sie, weil sie ihre eigene Chefin ist. Gemeinsam mit neun anderen Frauen ist sie Genossenschafterin von Autonomia, einer sogenannten Reinigungskooperative in Zürich. 

Diese funktioniert ähnlich wie klassische Reinigungsfirmen: Man meldet sich per Telefon oder Mail mit einem Auftrag, und die Kooperative kümmert sich um den Rest. Sie organisiert eine Reinigerin, die an den gewünschten Daten vorbeikommt, verschickt die Rechnung und schaut, dass alle Sozialabgaben und Löhne bezahlt werden. 

30 Franken Lohn und zweite Säule

Mit dem Unterschied jedoch, dass das Unternehmen den Reinigerinnen selbst gehört. Deren Bedürfnisse werden deshalb mindestens so hoch gewichtet wie diejenigen der Kunden. Mit Stundenpreisen zwischen 46 und 54 Franken kostet eine Stunde Reinigen bei Autonomia ähnlich viel wie bei anderen Anbietern.

Doch zusätzlich zu den 30 Franken Lohn erhalten die Mitarbeiterinnen eine gute Krankentaggeldversicherung, eine zweite Säule, und auch die Arbeitswege sind manchmal bezahlt. Es wird darauf geachtet, dass die Einsätze nahe beieinander liegen und möglichst am Stück sind – in der Reinigungsbranche alles keine Selbstverständlichkeit. «Als ich zum ersten Mal von Autonomia und den Arbeitsbedingungen gehört habe, dachte ich, das sei ein Witz – zu gut, um wahr zu sein», sagt Berger. 

Geführt wird die Kooperative von drei sogenannten Verwalterinnen, die gleich viel verdienen wie alle anderen. Sie werden aus dem Kreis der Genossenschafterinnen gewählt. Diese werden wiederum vom Zentrum für Care-Kooperativen unterstützt und beraten. Der Verein setzt sich nach eigenen Angaben für die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt ein. Er war es auch, der die Gründung der Genossenschaft 2021 initiierte. 

Zu Beginn mit der Selbstständigkeit überfordert

«Während mehrerer Monate besuchten wir Workshops zu Geschäftsführung und Marketing. Wir machten eine Marktanalyse, erarbeiteten einen Businessplan und legten fest, was wir zu welchem Lohn anbieten», sagt Carmen Ulrich. Sie ist seit Beginn Teil der Kooperative und eine der drei Verwalterinnen.

Als solche ist sie unter anderem für die Schulung der Reinigerinnen zuständig. Denn seit dem Geschäftsstart ist Autonomia auf 43 Mitarbeiterinnen angewachsen. Die meisten davon sind angestellt und nicht Teil der Genossenschaft, ein Beitritt steht aber allen offen. «Es haben nicht alle Frauen die Kapazität und das Interesse, sich auch in der Organisation der Genossenschaft zu engagieren», sagt die Verwalterin. 

Wenn die Frauen bei Autonomia beginnen, begleitet Ulrich sie bei ihrem ersten Auftrag, erklärt ihnen alles und zeigt die richtigen Techniken. Zu Beginn seien manche Reinigerinnen mit der Selbstständigkeit überfordert. «Sie sind es nicht gewohnt, dass sie keinen Boss haben, der ihnen sagt: ‹Mach das und das›, und dass sie selbst dafür verantwortlich sind, eine gute Arbeit abzuliefern.» 

«Ich dachte, Putzen sei unter meiner Würde»

Dass sowohl das Reinigen als auch die Selbstständigkeit erlernt sein wollen, hat in den letzten vier Jahren auch Adele Villiger gemerkt. Sie ist die Präsidentin von Flexifeen, einer Reinigungskooperative in Basel, die es schon etwas länger gibt als Autonomia. Ähnlich wie diese entstanden auch die Flexifeen auf Initiative einer gemeinnützigen Organisation, des Vereins Crescenda. 

«Eigentlich wollte ich ein Kosmetikgeschäft gründen, doch in Workshops kam ich mit den anderen Mitgründerinnen zum Schluss, dass die Chancen mit einer Reinigungskooperative grösser sind», sagt Villiger.

Sie hatte bereits Erfahrung als Haushaltshilfe, doch als Reinigerin arbeiten wollte sie eigentlich nicht. «Ich dachte, das sei unter meiner Würde. Doch in meinem ersten Reinigungskurs habe ich dann gemerkt, wie komplex professionelles Reinigen ist.» Sie besteht deshalb auch darauf, von Reinigen anstatt von Putzen zu sprechen. 

Anfänglich Probleme mit der Kommunikation und der Qualität

Villiger hat viel Berufsstolz. Es ist ihr wichtig, dass die Kundinnen und Kunden zufrieden sind. «Wenn ich ein fremdes WC reinige, dann mache ich das nicht einfach fürs Geld, sondern für meine eigene Firma. Das macht einen grossen Unterschied.»

Zu Beginn hatte die Kooperative jedoch noch mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. So bekamen die Flexifeen manchmal Reklamationen wegen mangelnder Qualität ihrer Reinigungen. Auch kam es immer wieder zu Kommunikationsproblemen.

«Wir haben schnell gemerkt, dass wir noch mehr in die Ausbildung investieren müssen, wenn wir bestehen wollen», sagt Villiger. Heute bekämen sie nur noch selten schlechte Rückmeldungen.

Das zeigt sich auch in den Zahlen. Die Flexifeen bestehen aktuell aus 23 Frauen und machten im vergangenen Jahr über 400’000 Franken Umsatz. Autonomia in Zürich kam sogar auf 1,5 Millionen Franken, wobei Ende Jahr jedoch ein kleiner Verlust resultierte.

«Die Reinigung ist ein einsamer Beruf»

Ein Erfolg sind die Genossenschaften aber vor allem für die beteiligten Frauen, da ist man sich in Basel und Zürich einig. So sind laut einer internen Umfrage fast 90 Prozent der Mitarbeiterinnen von Autonomia mehrheitlich bis sehr zufrieden mit ihrer Anstellung. 80 Prozent verdienen über ein Fünftel mehr als im vorherigen Job.

Fast noch wichtiger als der höhere Lohn seien aber die Freiheit und der Zusammenhalt, die die Reinigerinnen in den Kooperativen hätten, sagt Autonomia-Genossenschafterin Verena Berger. Auch würden sie die gemeinsamen Anlässe und Weiterbildungen sehr schätzen. Denn: «Die Reinigung ist ein einsamer Beruf.»

Die Vereine hinter den Kooperativen sehen diese als Erfolg. An beiden Orten denkt man an die Expansion. Zurzeit läuft gerade das Crowdfunding für eine weitere Kooperative namens Equipa in Wangen bei Olten und in Liestal BL.

Reinigungskooperativen expandieren

Dafür wollen die Kooperativen noch stärker zusammenspannen und ein Netzwerk aufbauen, um zum Beispiel gemeinsam IT-Lösungen zu entwickeln. Teil dieses Netzwerks sollen auch Proper Job aus Bern und Valeriana aus Zürich sein.

Auch die Frauen hinter den Kooperativen entwickeln sich weiter. So ist Verena Berger zum Beispiel nicht mehr selbst am Reinigen. Sie ist aktuell zuständig für den Kundendienst bei Autonomia. Auch Adele Villiger hat neben der Koordination nicht mehr viel Zeit für den Ausseneinsatz. Sie hat ein Studium begonnen. «Ich komme kaum mehr dazu, bei mir zu Hause zu putzen. Vielleicht buche ich selbst bald eine Flexifee», sagt sie lachend.

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